Draußen regnet es und die Luft ist feucht. Ich gehe hier abends gerne durch die dunklen Straßen (es wird sehr früh dunkel) wenn fast niemand mehr draußen ist und alles still und nur die Grillen zirpen. Die letzten drei Tage hat es fast nur geregnet und ich bin völlig durchnässt gewesen, weil ich dachte, meine Regenjacke würde wohl reichen, aber denkste. Dann habe ich einen Regenschirm gekauft und prompt hat der Regen aufgehört. Die Abende in der Vorstadt (Setagaya-ku) sind eine glückliche ruhige Abwechslung zu den leuchtenden Tagen, die von den grellen Leuchtreklamen bestimmt sind. Zum Glück bin ich abseits von ökologischen Einwänden ein Fan von Leuchtreklame.

Soziales Erdbeben

Der dritte Abend in Tokio und ich habe meine Kurse gewählt und warte nur noch auf die Ergebnisse des Japanisch Placement Tests. (Ich finde es gut, bald einen echten Stundenplan zu haben) Heute habe ich den halben Tag verschlafen, weil ich dachte, ich käme um den Jetlag rum, aber denkste. Gestern habe ich Shinjuku betrachtet mit zwei Mädchen aus Australien und Mexiko,  weil die eine so hieß wie ich. (Leute, denen in Tokio nichts besseres einfällt, als Pizza und Burger zu essen, bah) In diesen ersten Tagen rennt alles wie wild umher und versucht, sich Freunde zu sichern. Albern. Als wäre soeben ein Erdbeben über die Stadt gekommen und alles wackelt und man sucht sich jemanden zum Dranfesthalten verzweifelt. Ein Glück, ich habe aus mir gelernt und weiß, dass ich leichter gute Menschen finde, wenn man den ganzen Schutt zur Seite geräumt hat und alles wieder seinen gewöhnlichen Gang geht.

Shinjuku jedenfalls hat mir gefallen. Ein großes Gewusel und Musik wie aus dem Himmel (eigentlich irgendwo aus Lautsprechern in den Hochhäusern). Ein Godzilla. Ein Muji auf mehreren Etagen. Ein Kaufhaus voller Müll. Apropos Müll: In den drei Tagen hier habe ich mehr Müll produziert als in Deutschland in einer Woche. Die Verpackung ist hier eine mächtige Institution. Beyond dem im REWE geschmähten Gurken Verhüterli ist ein Durchschnittsobst hier gefühlt in drei Schichten Plastik verpackt. 1. Schicht: Plastiknetz um die einzelne Frucht, 2. Schicht: Plastiktableau, um 2 Früchte nebeneinander zu halten, 3. Schicht: Plastikverpackung um beide Stücke drumherum, damit sie nicht weglaufen, optionale 4. Schicht: Plastiktüte, in die der Verkäufer die Gesamtkonstruktion packt (ich werde noch einen Weg finden, ihn höflich davon abzuhalten).

Geld oder Leben

Davon abgesehen: Ich werde leider eventuell an Vitaminmangel sterben. Die günstigsten Früchte, die ich hier gefunden habe sind Äpfel für 99¥. Pro Stück. Im billigsten Discounter. Trauben gibt es gerne ab 599¥ pro 500g, vier Pfirsiche für 699¥, eine Melone für 799¥. Eine Paprika lässt sich gerne 199¥ kosten. Dafür zahl ich für 500g Tofu nur 50¥ und die bei uns teuren Enoki-Pilze bekommt man schon ab 60¥. Es ist ein Schreck, und ich musste – wen überrascht es – meinen Speiseplan um Eier und Milch erweitern, weil die hier etwa so viel kosten wie bei uns. Morgens gibt es Miso-Suppe wie ein echter Japaner. Da hier jeder sein eigenes Schrankfach in der Küche hat und nicht geshared wird, bin ich Mittwoch-Abend losgezogen um Küchenutensilien zu kaufen. Nachdem ich kurz dachte, ich müsste meine Speisen mit meinem Taschenmesser schneiden und direkt auf der Kochplatte kochen, weil Messer, Töpfe und Pfannen so schrecklich teuer sind, habe ich ihn gefunden: den DAISO, den 100¥-Laden. Ähnlich wie bei uns 1€-Läden, bloß nicht so oll. Und eigentlich sind es auch nicht 100¥, sonder 108¥, und größere Sachen kosten bis zu 600¥ (+Steuern).

Jetzt habe ich:
+ Einen Topf aus billigem Messing, der sich leider nicht als Pfanne eignet

+ Esstäbchen, die noch immer ein bisschen nach Holz schmecken
+ Eine Plastikschale in Lackoptik
+ Ein billiges Messer
+ Ein billiges Schneidebrett

Was ich noch brauche:
+ Koch-Stäbchen (das sind die Kochlöffel hier)
+ Eine viereckige Pfanne (wenn schon, denn schon…)
+ Einen Pfannenwender

Ich hätte auch gerne einen Reiskocher wie ein echter Japaner, aber das ist hier eine Wissenschaft für sich und leider recht teuer. Überhaupt: Ich habe für einen Commuting Pass entspannte 150 Euro für drei Monate gezahlt, und mit dem komme ich genau nur von der Station Seijogakuen-mae (成城学園前駅) bis zur Haltestelle Yotsuya (四ツ谷駅) an der Universität. Will ich woanders hin (Überraschung, will ich) muss ich dazu zahlen. Transport ist hier – wie alles andere außer Tofu – sehr teuer. Die Japaner, habe ich festgestellt, sprechen in den Bahnen nicht und fahren überwiegend alleine. Tatsächlich oft schlafend. Gestern habe ich zwei in einem Restaurant gesehen: Er, den Kopf auf dem Tisch, schlafend, sie, ihm gegenüber, essend.

Im Wohnheim: Gehe ich aus der automatischen Tür, sage ich „Ittekimasu!“ (いってきます), das heißt soviel wie „ich gehe und komme wieder“ und der Mann hinter der Glasscheibe sagt „Itterasshai!“ (いってらっしゃい), was entsprechend „Gehen Sie und kommen Sie wieder“ heißt. Mach ich natürlich. Wo soll ich sonst hin? Von der Bahnstation zum Wohnheim sind es zu Fuß zwanzig Minuten, bliebe ich länger, würde ich mir ein Fahrrad zulegen, aber wie scheinbar alles hier, ist auch der Kauf eines Fahrrads mit bürokratischem Drumherum ausgestattet und vermutlich kostet mich ein Fahrrad beim allgemeinen Preisniveau so viel wie ein Kleinwagen.

Morgen gehe ich nach Shibuya, das Viertel, über das sie immer alle reden. Fotos morgen. Und jetzt:

お休みなさい! (oyasumi nasai)

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