Hummelflug

Ich schiebe ihm einen Zettel zu. Er liest ihn kurz und blickt sich daraufhin nervös um.
Er rückt ein Stückchen näher um mir etwas ins Ohr zu flüstern.
Seine Lippen sind nah an meinem Ohr. Er zuckt zurück, greift nach meiner Hand und zieht mich aus dem Café.

Die junge Frau neben ihm bleibt reglos auf ihrem Platz sitzen.

Wir laufen auf die Straße und einfach weiter geradeaus. Meine Tasche schlägt gegen meinen Oberschenkel und es fällt mir schwer, mit ihm Schritt zu halten. Ich drehe mich nicht um. Hinter der nächsten Ecke bleiben wir in einem Hauseingang stehen. Dann gehen wir langsam noch ein paar Schritt auf eine Glastür zu. Er stößt sie auf und lässt mir den Vortritt.

Eine Bar.

Bloß ein paar Leute verstreut auf den roten Lederbänken. Keine Pärchen, jeder für sich allein. Ein kleiner Junge spielt vor einem Flipper-Automaten. Wir setzen uns ganz nach hinten links in eine der Eckbänke. Ich streiche mit den Fingern über den beige marmorierten Tisch.
Er sagt noch immer nichts, schaut mich nur kurz an blättert wahllos in der Getränkekarte.

Ich lehne mich zurück und versuche dabei, unauffällig näher an ihn heran zu rücken.
Er schaut mich wieder an und schüttelt kurz den Kopf.
Jemand dreht die Musik lauter und ich höre die Glocken von Moskau, schließe die Augen und lächle. Weil ich weiß, dass ich genau hier hin gehöre.

Als ich die Augen wieder öffne steht vor mir ein Glas mit einer hellroten Flüssigkeit und vielleicht Früchten, wegen der Kerne, so meine Vermutung. Ich liebe das Geräusch von umgerührten Eiswürfeln mit Strohhalm und ich halte mein Ohr ganz nah an das Glas damit ich die Kälte spüren kann.
– Ich habe noch deinen Regenschirm. –
– Leise. Bitte. Ich möchte hören, wie die Eiswürfel zerspringen. –
Jetzt schaut er doch wieder zu mir. Und lächelt. In der anderen Ecke des Raumes sitzt einer mit Cordhose und Croissant. Er starrt uns an und reißt immer wieder kleine Stücke aus seinem Croissant heraus und tunkt sie in ein Glas mit orangefarbener Marmelade. Über seinem Schlüsselbein hat er eine Schwalbe, die hellblau in Richtung seines Halses fliegt und von dort aus vielleicht in den Himmel.

– Es wird Sommer. Wir brauchen keinen Regenschirm.-

Der Boden ist geschachbrettmustert und ich verspüre das Bedürfnis zwei Schritte nach nach vorne und einen in die Diagonale zu setzen. Ich rutsche also von der Bank und plötzlich ist der Boden so unglaublich weit unter mir, dass ich mich an der Tischkante festklammern muss um nicht hinabzufallen.

(Oder bloß Einbildung)
Ich versuche, mit beiden Füßen auf der gleichen Kachel zu landen, die Weiße hab ich mir ausgesucht, ich glaube, dann darf ich das Spiel eröffnen. Gerade stehe ich – wenn auch ein bisschen wackelig – da öffnet sich erneut die Tür zwei junge Männer betreten den Raum. Sie tragen helle Parkas und haben die Hände in den Hosentaschen und gebeugte Blicke, die langsam an der Bar entlang streifen.
Mein Begleiter sagt nichts. Er öffnet bloß seine Lederjacke und zieht eine kleine Plastikfigur hervor, die er auf den Tisch stellt, Eine Figur, wie man sie als Kinderspielzeug zum bitte nicht Verschlucken in Schokoladeneiern finden kann.

Und wir laufen wieder.

Über den nassen Asphalt, weil es doch geregnet hat zwischendurch, obwohl ich von drinnen nach draußen keine Regentropfen gesehen habe. Vom Boden steigt ein bisschen Dampf auf und wir müssen uns beeilen. Meine Tasche schlägt gegen meinen Oberschenkel und es fällt mir schwer, mit ihm Schritt zu halten. Ich drehe mich nicht um.

Ich glaube, dass die Wolken am Himmel einmal heruntersteigen wenn man sie ganz dringend braucht und darum habe ich keine Angst. Links von uns ist ein kleines Gebüsch oder eigentlich zwei und dazwischen ist dann ein Durchgang. Der Durchgang führt zu einem Spielplatz, wohin das Gebüsch führt weiß ich nicht.

Der Spielplatz liegt einsam und verlassen unter einem Pflaumenbaum der im vergangenen Jahr gefällt wurde, weshalb keiner mehr hingeht weil eben der Schatten weg ist. Und im Sommer brauchen Kinder und Haustiere Schatten. Für uns ist der Spielplatz okay, weil wir keine Haustiere dabei haben.

Ich setzt mich auf die Schaukel und er setzt sich daneben.
Ich bewege meine Beine im Schaukeltakt nach vorne und nach hinten und nach vorne und nach hinten und nach vorne und nach hinten und es knarrt mit jedem Schaukelzug.
Ich ziehe mich an den Ketten hoch und schaue stehend von der Schaukel aus auf ihn herunter.
Ich kann fliegen. –
Er schaut mich wieder an und schüttelt kurz den Kopf.
Glaubst du mir nicht? –
Ich schließe die Augen und lächle. Dann springe ich ab.
Ich schwebe. Ich fliege. Das ist übrigens auch ganz einfach, ein bisschen so wie Schwimmen, zumindest von den Bewegungen, bloß muss man darauf achten, die Beinbewegung stark genug zu halten, um nicht herunterzufallen.
Und – ich bin ehrlich – es geht auch nicht sonderlich hoch, zwei bis drei Meter Abstand vom Boden sind das maximal.

Als ich die Augen wieder öffne sitzt er auf einer Parkbank ein Stückchen entfernt. – Du hast gar nicht zugeschaut. – Nervös schaut er sich um. Neben ihm liegt ein Kranz aus Gänseblümchen, den zwei kleine Mädchen über einen lauten und tränenreichen Streit dort vergessen haben. Vorsichtig hebt er ihn an und legt ihn mir aufs Haar. Wir müssen weiter. – Wenn jetzt Winter wär. – Ist aber nicht, darum laufen wir an einem kleinen Bach entlang. Klar da gibt es Blümchen rechts und leider nicht links. Hinter uns in der Ferne eine kleine Bewegung oder eigentlich zwei und wir wissen, dass wir nicht alleine sind.

Und wir laufen wieder.
Warum laufen wir? –
Er antwortet mir nicht. Sowieso nie, wir laufen durch ein Getreidefeld. Ob Gerste, Hafer, Roggen, Mais weiß ich nicht. Jedenfalls Kreise gibt es zwischendurch und in einem dieser Kreise bleiben wir stehen und warten auf ein unbekanntes Flugobjekt. Kommt aber bloß ein unbekannter Vogel vorbei, der nicht einmal richtig bunt ist und ganz sicher keine Antennen auf dem Kopf hat.
Glücklicherweise trage ich ein rotes Kleid, damit kann ich mich dann drehen, so dass es von oben aussieht wie Klatschmohn.
Ich lasse mich auf die weiche Erde fallen um festzustellen, dass sie doch gar nicht so weich ist, klar wäre ein Bett im Kornfeld jetzt angebracht, aber das hat nicht mehr in meine Handtasche gepasst. Also weiter. Er zupft Getreidestängel aus meinem Haar und zieht mich hoch.

Wir schieben uns durch das Getreidefeld und die Ähren streben rechts und links vor uns auseinander. Er läuft dicht vor mir her und weiß vermutlich wo es lang geht. Die Ähren streben rechts und links vor uns auseinander und werden immer größer und wachsen über unseren Köpfen wieder zusammen.
– Hörst du die Grillen schon zirpen? Ich auch auch nicht, aber ist zirpen nicht ein schönes Wort, dass man trotzdem immer sagen können sollte? – (So wie Handwaschbecken)

Am Rand des Feldes liegt eine große Straße, darum auch der Lärm eben. Wir schauen uns an und rennen los auf drei.
Wäre auch fast gut gegangen, wären wir auf vier losgelaufen.
Man sollte immer auf vier loslaufen.

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