Neun Uhr und ein bisschen. Vom Fliegen und Fallen.

I. Guckt mich an und sagt: „Dein Scheiß interessiert mich einfach nicht.“ Gut. Wir wohnen zusammen, seit vier Jahren jetzt. Das ist das erste Mal, dass sie überhaupt etwas sagt. Ich dachte immer, sie sei irgendwie stumm oder ein bisschen blöde, aber jetzt weiß ich, was los ist. Mein Scheiß interessiert sie einfach nicht. Gut. Dann eben nicht. Dann schweigen wir uns eben von nun an. Sie schaut mich nur verächtlich an, mit so einem „Das hältst du eh nicht lange durch“-Blick. Das werden wir ja noch sehen. Gut. Sage ich. Dann kannst du dein Katzenklo ja demnächst auch selbst putzen. Zur Antwort lässt sie ihre Zunge nur lasziv über ihre Pfote streifen, dreht sich um und verlässt leise den Raum. Es ist kurz nach neun.

II. Wir lagen nur so rum im der Sonne. Ab und zu stand sie auf und holte sich ein Glas Wasser, ich tat einfach nichts und lag nur so rum in der Sonne. Ab und zu stand sie auf und holte sich ein Glas Wasser oder eine Scheibe Schinken zusammengerollt, ich tat einfach nichts und lag nur so rum in der Sonne. Ab und zu stand sie auf und holte sich ein Glas Wasser oder eine Scheibe Schinken zusammengerollt oder Stück Brötchen, dass sie aus der Samstagstüte zog, ich tat einfach nichts und lag nur so rum in der Sonne. Ab und zu stand sie auf, ich tat einfach nichts und lag nur so rum in der Sonne. Hätten wir was Ordentliches gearbeitet, hätte man unseren Aufenthalt wohl Urlaub nennen können. Zum Glück mussten wir unsere Zeit nicht in derartige Bezeichnungen quetschen. Die Sonne ging hinter unserem Haus unter jede Nacht, bis sie eines Tages stehen blieb, auf dreivierteliger Höhe, es muss ungefähr 21 Uhr und ein bisschen gewesen sein. Es dämmerte, das Feld knackte und die Sonne hing da herum so unentschlossen und verdrossen verflossen. Sie so tja. Ich hm. Da kann man nichts machen. Ärgerlich war nur, es war recht kühl, klar, Sonne dreiviertel unten, viertel oben, also eben nur ein Viertel Wärme vom Tag. Die Wärme im Boden war auch bald weg und so leerte sich langsam die natürliche Wärmespeicherung der Erde unter unseren nackten Füßen, bis sie die Temperatur einer seit drei Stunden toten Katze angenommen hatte. Wir also rein und Tür zu. Sie deckt in aller Ruhe den Tisch, als ob nichts gewesen wäre. Frag ich sie, was machen wir denn jetzt. Sie schaut in meine Richtung, aber gar nicht mir in die Augen, sondern an mir vorbei aus dem Fenster, auf die unentschlossene Sonne. Nichts, sagt sie. Was sollen wir denn machen. Nichts, sag ich, aber ich hätte es bloß mal gut gefunden, wenn du da mal was zu gesagt hättest, ohne dass ich dich hätte fragen müssen. Gottohgott, fängt das schon wieder an, sagt sie und wirft lieblos zwei Blatt Küchenkrepp auf den Tisch. Ich hasse das, sag ich, weißt du genau. Wir haben auch Servietten, warum machst du dir nicht mal die Mühe, die Schublade über dem Kühlschrank aufzuziehen, da sind die drin. Mach den Scheiß doch selber, sagt sie, wer hat denn gekocht. Ich, sag ich. Jaja, aber nur, weil du mein Essen nicht magst, sagt sie, dumme Kuh. Ich weiß überhaupt nicht, was du von mir willst. Egal, ich geh zum Radio, drehs auf bis ganz laut Jazz rauskommt (was sie hasst). Fand ich ehrlich ne ziemlich gute Idee und so essen wir schweigend, Trompeten im Hintergrund. Später sitze ich am Fenster und schaue raus auf die verdrossene Sonne. Noch später nimmt sie ihren Scheiß und geht. Mir auch egal. Jetzt halt Jazz jeden Tag, zum Frühstück, Mittag und Abend. Keine Ahnung wo sie hin will, mir auch egal. Ich laufe ein wenig in der Küche umher, werfe die Teller in den Müll, dann muss ich nicht spülen, schmeiße den Müll raus aufs Feld und das Radio hinterher. Ich laufe ein wenig in der Küche umher, werfe die Tischdecke in den Müll, dann muss ich nicht waschen, schmeiße den Müll raus aufs Feld und die Blumen hinterher. Ich laufe ein wenig in der Küche umher und haue mir eine Gabel in die Hand. Dann endlich wird es dunkel und ich schaue auf die verflossene Sonne.

III. Einzimmer. Einmensch. Wenn es neunmal schlägt kurz danach, wenn die Dunkelheit kommt, beginnen die Spinnen, ihre Netze zu knüpfen, fangen die Hinterdreingebliebenen und Nichtlosgekommenen ein, weben ihre Netze um sie, machen sie regungslos, bewegungslos, nutzlos. Dieses Gespräch langweilt mich, rufen sie. Diese halben Sätze voller leerer Worte. Und sie sitzen auf ihren Stühlen, Sesseln, Sofas. Diese Musik langweilt mich rufen sie, dieser Film, dieses Bild, dieser Mensch, dieses Gefühl, dieses Stück… Kultur. Es wäre doch schön, wenn Leben immer Rauchen sein könnte, auf fremden Balkons tanzen – das wäre furchtbar schön. Bungalows anzünden, davonfahren, gefälschte Markenmode verkaufen, Geldtransporte überfallen, vielleicht durchdrehen und dann sterben. Das sagen sie immer. Doch sie tun nichts. Sie trinken roten Wein und seufzen, beschweren sich.

IV. So sitzt er auf meinem Bett wie etwas großes, Unbewegliches. Ein Findling. Ich löse seine Krawatte, weiß nicht, wann ich das letzte Mal eine Krawatte zwischen den Fingern hatte, knöpfe sein Hemd auf und blicke ein wenig erstaunt auf seinen freigelegten massiven Oberkörper, der behaart ist und weiß und so weit unter mir dass er da auch bleiben soll. Stattdessen schaut er zu mir auf wie junge Hunde das tun vor dem Ersäufen. Damals haben wir das so gemacht, rein in einen Sack, zugebunden und in den Fluss. Jannike hat zu solchen Anlässen immer geweint. Ich nicht. Ich habe dem Bündel hintergeschaut wie es fiel und darin wimmerte und jaulte und anerkennend habe ich Peer angeschaut, auch so von unten wie junge Hunde das tun, aber ohne die Lider zuzuschlagen vor ihm. Dann haben wir Jannike an die Hand genommen und Engelchen-flieg gespielt. Das ging so, dass wir jeder eine Hand nahmen von ihr und sie dann mit Anlauf hochsprang und wir sie noch ein Stückchen weiter in die Luft hoben bloß mit unseren Armen und der Kraft darin. Das ging immer ein bisschen verdreht zu, weil Peer natürlich viel größer ist als ich und sein Arm länger und so flog Jannike immer wie ein Engel mit verletztem Flügel, aber trotzdem hat es ihr gefallen. Der Mann vor mir auf dem Bett wird ungeduldig und schaut auf seine Uhr. Kurz nach neun. Ich beuge mich weiter nach vorne um ihm sein Hemd auszuziehen, das noch in seiner Hose klemmt. Weil aber sein Bauch über seinen Gürtel hängt, ist da gar kein leichtes Drankommen. Aus praktischen Gründen schiebe ich seinen Oberkörper also auf das Bett, was er als Romantik oder Ähnliches versteht und seufzt wie junge Hunde das tun vor dem Ersaufen. Unter seinem Bauchnabel etwa zehn Zentimeter eingesunken in das behaarte Fleisch grabe ich seine Gürtelschnalle aus, wie ein Archäologe komme ich mir dabei vor. Sehen Sie, liebe Forscherkollegen, was ich hier gefunden habe, würde ich gerne sagen, mich aufrichtend, auf mein neuestes Ausstellungsstück zeigend. Wir haben dieses Exemplar vor einigen Wochen im mittelalterlichen Teil innerhalb der antiken Stadtmauern gefunden, wie es, zu jenem Zeitpunkt noch völlig bekleidet, unberechtigt Interesse bekundete. Nun ist es hier und wird näher untersucht. Dabei dürfen wir vergleichsweise roh vorgehen, da keine empfindlichen oder besonders wertvollen Einzelheiten zerstört werden können. Sein Unterteil ist fast noch schwerer als sein Oberteil und versuche, ihm seine Hose auszuziehen, ohne sein Genital dabei abzureißen. Das brauche er noch, sagt er. Was ich bezweifle. Ich greife in den Bund seiner geschmacklosen Boxershorts und er guckt wie junge Hunde das tun vor dem Ersäufen. Ich hole tiefe Luft.

V. Wir trafen uns einem Sonntag, morgens, fast halb zehn. Der Regen vor dem Fenster hatte gerade begonnen, in kleinen Tröpfchen zaghaft aus den Wolken zu fallen. Mäntel und Regenjacken spiegelten sich in bunten Flecken in den entstehenden Pfützen und die vereinzelten Sonnenstrahlen zerplatzten, so schien es mir, direkt nach dem Regen auf dem Fensterglas vor meiner Stirn. Wir saßen auf meiner Fensterbank im vierten Stock weit oben, Altbau mit Stuck aber mit Balkon, 22 Quadratmeter Schöne Single-Wohnung mit Pantry-Küche Dusche Waschmaschinen im Keller gegen Gebühr 230 kalt Heizkosten nicht in Nebenkosten enthalten und schauten hinaus auf die Straße. Ich erklärte: Ich will mir jeden Tag ein Wort erfinden, Kraterwanderungen und Gartengedanken machen, grünen Tee trinken, und dann alles wieder vergessen. Und ich will auf Wolken schlafen. Menschengestalt vergessen, um dann sanft wieder, auf der Erde zu landen. Und ich will nur noch rote Mäntel anziehen, um in der Menschenstadt nicht verschluckt zu werden von grau und unbunt-dunkelschwarz, und dann auf Bänken sitzen und Tauben beschauen. Und ich will tief Luft holen – können – Moleküle frisch einsaugen und verbraucht ausspucken. Und ich will einen Monat lang bloß Mandarinen essen, aus Dosen, die ich aufbewahre, um daraus ein Klangspiel zu bauen, das ich über mein Bett hänge, damit es leise klingelt und mich warnt, wenn nachts Gedanken aus meinem Kopf hinauskriechen wollen. Und ich will Liebe verkaufen in kleinen Tüten, mit grünen Edding auf kleine Klebe-Etiketten schreiben „Liebe für Mittwoch“ – „Liebe für Freitag“. Drei Euro je hundertundfünfzig Gramm. Und ich will nur noch Strumpfhosen mit Laufmaschen tragen, und Masche um Masche um Masche mein Bein hinauflaufen sehen, verwundert hinterherschauen und dann ganz barfuß da stehen. Und ich will mir jeden Tag einen Gedanken erfinden. Kraterwanderungen und Gartengedanken machen, grünen Tee trinken, und dann alles wieder vergessen. Damit war alles gesagt, von meiner Seite, wie ich fand. Gelangweilt schaute er mich an, klebrig und kaugummikauend. Wie hab ich mir das vorzustellen?, fragt er, diese Gartengedanken. Ich hab ihn rausgeschmissen dann.

VI. Ich möchte kurz einmal beschreiben, wie das funktioniert, mit dem Fliegen, denn man findet tatsächlich auch in einschlägiger Literatur nicht viel darüber. Also, zunächst ist alles so wie immer, man trinkt irgendwas. Dann merkt man, oh, heute ist so ein Tag. Dann sucht man sich lauter Destillate zusammen, auf die man Lust hat, die müssen gar nicht zusammenpassen oder so, man muss nur Lust drauf haben, aber wissen, dass es zu viel ist. Dann schüttet man sich voll, bis man eigentlich schon gar nicht mehr kann. Man muss dabei darauf achten, dass man zwischendurch nichts isst. Es ist übrigens am besten, wenn man mit etwas Süßem beginnt, zum Beispiel fruchtigen Likören oder Pflaumenschnaps, wenn man da gerade was da hat. Wenn man genug hat, was ziemlich schnell passieren wird, trinkt einfach man weiter, eigentlich egal was. Man sollte dann eine Zeit mit sich selbst ausmachen, zum Beispiel 21 Uhr, eh wird da dann 21 Uhr und ein bisschen draus. Man sollte in der Zwischenzeit darauf achten, nichts allzu Einfältiges zu tun, sonst läuft das nicht. Gut kann man Filme gucken über Surrealismus, dass man dann erleuchtet ist so richtig. Wenn es soweit ist, geht man auf den Balkon, und raucht noch ein paar Zigaretten, die man in der Blumenkastenerde ausdrückt. Dann hockt man sich auf das Geländer und denkt zum Beispiel daran, wie es ist, wenn man glücklich ist. Wie es sich anfühlt, lachend durch die Straßen zu gehen. Dann lässt man eine Hand los, eventuell auch zwei und streckt sie aus in Richtung Himmel, bis aus dem Angstgefühl so ein ordentliches Freiheitsgefühl wird. Dann beugt man sich vornüber und drückt die metallenen Geländerstreben ganz stark gegen seine Schienbeine, um das Gefühl zu unterstützen. Man sollte darauf achten, dass man nicht herunterfällt, sonst hat man am Ende einer so viel Stress mit dem Saubermachen.

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