Dialoge

Er kommt zur Tür herein und beginnt sofort zu reden, so, als hätte er bereits auf der Türschwelle, davor, auf der Eingangsmatte mit den zwei Katzen und dem Wollknäuel angefangen, als ich noch den Schlüssel in der Tür umdrehte von innen, als hätte er schon, während er die Treppe hinauf – Aufzug benutzt er nie, gesundheitlich, ökologisch, man weiß ja – als hätte er da schon beschlossen, mich zu demütigen. „Großartig, sagt er, großartig“, und lässt sich auf mein Sofa fallen, neben die Fernbedienung, die zu Boden rutscht und als sie auf den Teppich aufschlägt mit einem erstaunlich lauten Knacken ihre Batterien auf den Boden entlädt.

Ich sitze wieder auf ihrer dunkelgrünen Couch. Ich liebe den Geruch der alten Polstermöbel die sie in ihrer Wohnung verstreut hat, als würde es sie nicht kümmern. Und doch alles so perfekt. Ich bin unglaublich aufgeregt, möchte ihr alles von meinem Abend erzählen, wäre sie doch nur mitgekommen, bestimmt hätte es ihr gefallen. Das Leuchten in ihren Augen bei unserem ersten Treffen, als ich ihr von den Spätabendvorstellungen erzählte, die ich Dienstags gerne mit einem Kollegen besuchte. Ein kleines Theater an der Ecke, wo es bloß salziges Popcorn gibt und das Bier mit Ingwer und ganz günstig.

Ich stehe noch an der Tür, schaue durch den Spion ins Treppenhaus, so als erwarte ich noch mehr Besucher, leider kommt keiner. Funken seiner Begeisterung hüpfen über die Rückenlehne des Sofas und versengen den Flokati. Ich laufe hinter seinem Rücken an dem funkelnden Hermann vorbei und ins Bad, öffne meine Jeans und setze mich auf die Klobrille, den Blick auf das eingetrocknete Blut in in der Damenbinde in meinem Slip gerichtet. „Die Inszenierung hatte etwas kafkaeskes, verworrenes. Gleichzeitig das schwere, niederdrückende eines spielsüchtigen Dostojewski, du erinnerst dich, ich habe dir einmal erzählt, wie er in…“.  Den Rest höre ich nicht, weil ich mich ganz auf das Geräusch des Klebestreifens der Slipeinlage konzentriere, die ich langsam aus meiner Wäsche entferne.

„Hm“, macht sie von irgendwo hinter meinem Rücken. „Schön, dass du einen netten Abend hattest“, tonlos. Nett, denke ich, hat sie mir nicht zugehört? Aufwühlend. Umwälzend. Es ist, als wäre ich ein neuer Mensch. Ich erhebe mich von ihrem Sofa und sehe sie da, auf der Toilette sitzend. Die Tür offen, das macht sie seit einigen Wochen. Ich hasse es. Sie lässt einfach die Tür auf, wenn sie die Toilette benutzt. Wenn sie duscht. Wenn sie ihre Haare fönt. Wenn sie sich Lockenwickler in die Haare dreht. Wenn sie sich die Fußnägel schneidet. Sie schließt sie, wenn sie sich schminkt. Puder auf ihre Wangen, rote, schimmernde Farbpartikel auf auf ihre hohen Wangenknochen aufträgt und sich dabei ganz nah an den Spiegel heran beugt. Ich weiß, dass sie das tut. Früher habe ich ihr oft mit Bewunderung dabei zugeschaut.

„Hast du mir nicht zugehört?“, fragt er, im Türrahmen lehnend. Höre ich da Verärgerung? Enttäuschung? Natürlich ist er enttäuscht. Natürlich. Seit wir uns kennen, erzählt er und ich höre zu. Oder eben nicht. Ich habe sehr schnell eingesehen, dass ich zu unserem Gespräch nicht mehr als Augenaufschläge beitragen konnte. Und das schien ihm doch zu gefallen. Während er mir von den großen Russen erzählte, ging ich im Kopf die Zigarettenmarken durch, dich ich seit 1978 geraucht hatte. Reemtsma. Camel. Reval. Pall Mall. HB. Rothmans International. Wenn Sie mich fragen, ich rauche Marlboro.

Ich schaue auf Irene herab. Sie sitzt da, schaut zu mir hoch, und ungerührt steckt sie die benutzte Binde in den kleinen Treteimer, der natürlich völlig überfüllt ist. „Reichst du mir bitte meinen Kosmetikbeutel“, sagt sie und ich schaue mich suchend um nach dem orangefarbenen Etui, finde es unter dem Heizkörper an der Wand neben mir. Ich schiebe es ihr mit dem Fuß herüber.

„Irene“, sagt er, „Irene“ nochmal, betulich, wie man mit Kindern redet. „Lass uns doch wieder zusammen ins Theater gehen. Du und ich. Salziges Popcorn. Ingwerbier? Lange Abende. Mit Ibsen, Strindberg, Tschechow, Sartre, Camus, Brecht, vielleicht, der hat dir doch so gut gefallen.“ Gedanklich lege ich meinen Kopf ein wenig schief und schaue auf seinen linken Nasenflügel, der verächtlich zuckt, zumindest glaube ich, dass es Verachtung ist. Ohne ihn aus dem Blick zu verlieren, den zitternden Nasenflügel, beuge ich mich nach vorne und hebe das Etui vom Boden auf, dass er mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt hat. Mit den Zähnen ziehe ich den Reißverschluss auf und fische eine Slipeinlage daraus hervor.

„Ich würde es ohnehin nicht verstehen. Das weißt du.“ Sagt sie. Ich verstehe sie nicht. Ich weiß nicht, worüber sie reden will. Ich weiß nicht, worüber ich reden soll. Sie will nichts hören. Ich weiß nicht warum. Sie schaut mich nur an, mit diesem abweisenden Blick. Ich glaube, sie hasst mich. Ich knie mich vor ihr auf den Boden, die kalten Fliesen unter meinen Knien so hart, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass wir einmal hier geschlafen haben. Als sie einzog, und bis auf das Bad alles mit ihren Kisten und Kartons zugestellt war. Wir haben unsere Kissen auf den Boden gelegt, ich mit dem Kopf unter dem Spülbecken, sie mit den Füßen auf dem Toilettendeckel. Wir haben unsere Köpfe so gedreht, dass wir uns anschauen konnten und haben uns angelächelt, wie sich Leute anlächeln, die sich sehr gerne haben. Und das ist bloß ein halbes Jahr her.

Warum geht er nicht einfach. Stattdessen kniet er hier, schaut mir dabei zu, wie ich die frische Damenbinde in meinem Slip befestige. Vielleicht braucht er das ja. Mit ihm reden ist zuhören. Mit ihm reden ist nicht Dialog, ist wie wenn Informationen nur von einem System ins andere fließen. Wie Kirche. Wie auf der Bank knien, die Hände gefaltet, den Blick keusch, ja, Herr, ich höre. Denn du bist der weise, der allwissende Gott und Jesus dein Sohn und… „Irene. Rede verdammt nochmal mit mir.“

Zieht ihre Hose hoch, drückt auf die Spülung und steigt über mich hinweg. „Ist schon gut. Sagt sie. Du würdest es ohnehin nicht verstehen.“

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